Röde Orm auf der MidsummerSail 2025
Was treibt eine Crew dazu, sich acht Tage lang den Launen der Ostsee auszusetzen? Vielleicht die Suche nach dem perfekten Zusammenspiel von Mensch, Boot und Natur. Oder einfach die Lust am Abenteuer.963 Seemeilen, 8 Tage, 3 Stunden und 9 Minuten auf rauer See, Platz 19 unter 83 Teilnehmern – hinter diesen nüchternen Zahlen verbirgt sich unsere Geschichte der MidsummerSail 2025. Eine Geschichte von Triumph und Verzweiflung, von Teamgeist und der unberechenbaren See.
Der Aufbruch ins Ungewisse
Donnerstag, 19. Juni 2025: Die Crew um Skipper Daniel A. und Co-Skipperin Hannah B. übernimmt die Röde Orm im Westhafen in Wismar. Man merkt sofort, dass hier im Winterlager einiges geschehen ist – das Boot glänzt, die neuen Segel knistern, schnieke gespleißte Schoten..also alles bereit, um die längste Ostseeregatta bestreiten zu können!
Proviant und Ausrüstung liegen bereit und müssen erst mal verstaut werden – bei der Menge an Wasser, Essen und Material ist der Orm gleich tiefer gelegt. Immerhin wurden Lebensmittel für 12 Tage und 7 Personen geplant. Aber am Ende ist es immer wieder erstaunlich, wie viel in den Orm reinpasst. Nach einem kleinen Stadtrundgang und einem gemütlichen Absacker im Hafen von Wismar geht es für alle in die Kojen. Haben wir ausreichend Schlaf getankt für das, was uns bevorsteht? Diese Frage wird uns in den nächsten Tagen noch oft durch den Kopf gehen.
Am Freitag stehen dann verschiedenste Vorbereitungen an, Material wird begutachtet und verstaut, Mast, Baum, Schoten und verschiedene Segel werden überprüft. Dann geht es auch schon los durch die Wismarer Bucht nach Boltenhagen bzw. in die Marina „Weiße Wiek". Hier legen die meisten der 83 teilnehmenden Boote am Abend vor dem Start an. Nach einem hervorragenden Abendessen und der Skipper:innen-Besprechung gibt es noch ein wenig Musik und Tanz – und für die Orm-Crew das letzte Bier für längere Zeit. In den Kojen schlafen in dieser Nacht auch das letzte Mal alle zur gleichen Zeit.
Die Sonne begrüßt die Marina am Samstagmorgen und die Aufregung steigt – letzte Dusche, letzter Toilettengang, das letzte Mal festen Boden unter den Füßen (zumindest ist das der Plan – dazu später mehr).
Das Ablegen fühlt sich trotzdem wie immer an. Auf dem Weg zur Startlinie in der Wismarer Bucht werden wir von vielen anderen Teilnehmenden Booten begleitet und können gleich das erste Mal den Spi ziehen! Der Start verläuft erfolgreich und wir kreuzen mit anderen Booten durch das Fahrwasser – zum Glück schaffen wir es noch rechtzeitig raus aus der Bucht, denn für den Nachmittag ist Flaute vor Wismar und weiten Teilen der Ostseeküste angesagt. Die Sonne knallt, der Wind lässt leider auf sich warten. Wir hangeln uns von Windfeld zu Windfeld. Irgendwann gehen die ersten schlafen, das Schichtsystem setzt ein.
Mit Einbruch der ersten Nacht wird es dann aber doch windiger. Die Böen nehmen im Laufe der nächsten Stunden deutlich zu, auch etwas Regen kommt von oben. An Tag zwei ist es dann gänzlich vorbei mit der Gemütlichkeit. Die Crew kämpft noch mit dem neuen Schlafrhythmus, dazu lässt das ständige Stampfen durch die hohen Wellen alltägliche Aufgaben wie einfach nur Schuhe anziehen oder Kontaktlinsen einsetzen zu Herausforderungen werden.
Die ersten Crewmitglieder müssen regelmäßig nach Lee. Die starken Wellen und das ständige Stampfen des Bootes führen schnell zu Seekrankheit, gegen die auch der stärkste Seglermagen nicht immer ankommt. Immerhin können die Tütenmahlzeiten auch bei heftigem Seegang schnell und handlich zubereitet und gegessen werden. Wir hatten vorab die verschiedenen Varianten akribisch getestet und durchprobiert. Unser Favorit war das Gulasch mit Hirsch oder Beef – doch auch das beste Fertigessen wird mit der Zeit eintönig. Trotz der kulinarischen und körperlichen Herausforderungen segeln wir zügig weiter – dank guter Wetterplanung können wir einige Plätze gutmachen. Das liegt auch daran, dass einige Boote aufgrund des Wetters abbrechen oder Häfen zum Abwettern anlaufen (Unterbrechungen sind erlaubt und die Regatta kann später weitergeführt werden).
Während des Sturms kentert einer der Einhandsegler mit seinem Trimaran. Ein Mayday, dass die Realität der See schlagartig in unser Bewusstsein ruft. Hätte das auch uns passieren können? Zum Glück sind dänische Küstenwache und ein deutsches Forschungsschiff zur Stelle und können den Segler unverletzt aus der Ostsee holen.
Das Wetter bleibt weiterhin rau und wir haben viel Welle von Achtern. Vor allem die Nachtschichten sind sehr anstrengend. Raumwind und Böen über 35 Knoten sind sowohl für die Crew als auch für den Orm herausfordernd. Bornholm liegt zu diesem Zeitpunkt hinter uns und wir halten auf Öland zu, das wir auf der Ostseite passieren wollen.
Tatsächlich liegen wir zu diesem Zeitpunkt auf Platz 11. Aber die Freude währt nicht wirklich lange. Im Orm ist Wasser. Viel Wasser. So viel, dass es bei Krängung schon die Wände hochläuft und die Matratzen nass werden. Vereinzelt ist auch Kleidung in den Schränken feucht geworden. Die Bodenluken sind alle randvoll und es läuft schon unter den Schränken hervor. Mit jedem Schlag einer Welle gegen den Rumpf scheint mehr einzudringen. Die bange Frage steht unausgesprochen im Raum: Schaffen wir es, das Wasser unter Kontrolle zu bringen, oder müssen wir die Regatta aufgeben? Anfangs ist nicht ganz klar, wo das Wasser eindringt – alle „üblichen Verdächtigen" wie Ventile, Rehlingstützen oder Klampen können aber weitestgehend ausgeschlossen werden.
Der nächste Hafen liegt auf Gotland und wir entscheiden uns, diesen anzulaufen, um genauer nachzuschauen. Auf dem Weg nach Gotland wird kräftig Wasser rausgepumpt, mit allem, was wir haben – Elektropumpe, Handpumpe, Pütz! Alle paar Stunden geht das so. Die Arme sind schwer vom ständigen Pumpen, die Müdigkeit zerrt an uns. Wird das Boot durchhalten? Werden wir durchhalten?
Nach längerer Suche auf See wissen wir endlich, wo es herkommt. Das Problem liegt in der Ruderanlage – aufgrund der starken Wellen von Achtern und des rauen Wetters dringt Wasser über die Ruderanlage ein. Und weil der Hafen auf Gotland eigentlich zu flach und das Wetter immer noch zu schlecht ist, um einzulaufen, entscheiden wir uns, weiter Richtung Stockholm zu fahren, um das Problem bei besserer Infrastruktur zu beheben.
Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, alle wollen die Regatta weiterfahren. Allerdings ist nicht klar, ob der Schaden so einfach behoben werden kann, und die Crew ist von den anstrengenden Tagen geschlaucht. Die Frage hängt in der Luft: War es das jetzt mit unserem Abenteuer? Mittwoch gegen 00:30 Uhr legen wir in Sandhamn an. Eine komische Stimmung, wieder an Land zu sein. Wir nutzen die Möglichkeit für eine nächtliche Dusche und dann wird erstmal ein paar Stunden ohne Schaukeln geschlafen.
Nach erster Inspektion der Ruderanlage und nach weiterer Rücksprache mit der Obmannschaft ist klar – mit einer Reparatur vor Ort können wir weitermachen. Die Stimmung wird besser, es gibt noch frische Zimtschnecken und die Reise geht weiter. Auch die Wettervorhersage wird besser, was uns optimistisch stimmt. Wir machen uns also erst mal auf Richtung Ålands und passieren die Enge zwischen Finnland und Schweden – und plötzlich ist es so weit, die Hälfte der 900 (geplanten) Seemeilen ist geschafft! Das wird natürlich mit einem kleinen Port für die Crew (und Rasmus) gefeiert.
Und es wird noch besser: Der Wind kommt nun stetig, aber nicht zu stark von Südwest, und wir ziehen den Spi! So geht es die nächsten 30 Stunden durchgehend mit Spi zügig Richtung Norden. Unterwegs taucht wie aus dem Nichts ein weiteres Regattaboot auf und wir kommen uns so nahe, dass man sich zurufen kann. Wir lassen den Konkurrenten „El Pato" hinter uns und steuern die zweite Engstelle des Bottnischen Meerbusens zwischen Umeå (auf schwedischer Seite) und Vaasa (auf finnischer Seite) an.
Und dann ist es mal wieder soweit – Nebel zieht auf und der Wind zieht weg. Wir dümpeln mitten in der Ostsee. Um uns herum nur milchiger Nebel, der die Sicht auf wenige Meter reduziert. Die Stille ist beinahe unheimlich nach den Tagen im Sturm. In der Ferne kann man Finnland erahnen, mehr ein Gefühl als tatsächliche Sicht. Immerhin haben wir nun die Möglichkeit, richtig zu kochen. Gekocht werden durfte nur bei Flaute – strikte Ansage des Skippers. In einem dieser seltenen Momente gab es an Bord eine frische Carbonara mit Pancetta. Ein kulinarisches Highlight inmitten der salzigen grauen Eintönigkeit, das uns kurz vergessen ließ, dass wir mitten auf der Ostsee festsaßen.
Es dauert eine ganze Nacht bis wieder Wind kommt, aber die Wettervorhersage zeigt nichts Gutes – lange soll dieser nicht anhalten. Zwischendurch treiben wir rückwärts. Geht es überhaupt noch vorwärts mit dieser Regatta?
Nun wird es knifflig – wir müssen uns überlegen, welchen Weg wir nach Norden nehmen. Entweder östlich der Insel Holmön oder westlich davon an der Küste entlang. Aufgrund intensiver Wetterrecherche und das Bauchgefühl von Schlitzohr Daniel entscheiden wir uns für den Weg an der Küste – viel Wind ist da zwar auch nicht, aber zumindest etwas länger hoffen wir. Wir liegen (natürlich) richtig! Die Konkurrenz entscheidet sich für den anderen Weg, und das hilft uns, noch einige Plätze gutzumachen.
Der Wind bleibt schwach, aber langsam und stetig bewegen wir uns weiter Richtung Norden. Wir können unseren kleinen Vorsprung auf die Verfolgergruppe aufgrund herausragender Segelkunst und Seemannschaft sogar etwas vergrößern. Kurz vor der Ansteuerung durch den Schärengarten in Richtung Töre setzt dann leichter Regen ein und der schwache Wind, den wir hatten, flaut ab. Wir stehen mal wieder. Zeit für ein weiteres kulinarisches Highlight: Leberkäse (extra aus Bayern importiert), Bratkartoffeln und Spiegelei – eine willkommene Abwechslung zu den Tütenmahlzeiten, die uns nun schon seit Tagen begleiten. Nach gefühlt hundert Portionen Gulasch ist jedes frisch zubereitete Gericht ein Festmahl!
Nun wird es noch mal spannend, die letzten 25 Seemeilen müssen wir durch flaches Wasser, Steine und zwischen kleineren und größeren Inseln hindurch. Wir kreuzen im engen Fahrwasser metergenau Richtung Töre. Teilweise wird es richtig flach, aber die Navigation funktioniert hervorragend und auch die Wenden können sich sehen lassen!
Und dann ist es so weit, die gelbe Tonne in Töre – die nördlichste Ostseetonne – kommt in Sicht. Haben wir es tatsächlich geschafft? Ist das wirklich das Ziel nach all den Strapazen? An Land jubeln uns andere Crews und das Orgateam zu, als wir die Tonne passieren! Es ist vollbracht, wir haben es trotz einiger Schwierigkeiten geschafft – nach 963 Seemeilen, 8 Tagen, 3 Stunden, 9 Minuten und Platz 19 von 83 erreichen wir stolz, erschöpft, müde und erleichtert den nördlichsten Punkt der Ostsee.
Epilog: Wir sind überglücklich – das erste Kaltgetränk schmeckt herrlich (und bringt nach den Anstrengungen auch gleich Wirkung). Fester Boden, eine ausgiebige Dusche und weitere Kaltgetränke versüßen die Ankunft. Würden wir es wieder tun? Mitten in diesem Moment der Erschöpfung und Euphorie weiß das keiner von uns so recht – aber tief im Inneren kennen wir die Antwort schon. Es war für alle ein unbeschreibliches Erlebnis. Die Crew hat super funktioniert.
Hier noch mal ein großes Danke an alle! An Daniel, der es auf sich genommen hat, mit so einer Rasselbande die längste Ostseeregatta zu bestreiten und immer die Ruhe bewahrt hat. An Hannah, die mit Vorsicht und Vernunft dafür gesorgt hat, dass keine größeren Unglücke geschehen. An Consti, der trotz nicht vorhandener Seestiefel jederzeit bereit war, andere Schiffe zu maßregeln („RAAAAUUUUUMMMM!!!!!!!"). An Josh und Marius, die in wilden Sturmnächten das Boot trotz schwieriger Verhältnisse immer sicher durch die Wellen und an anderen Schiffen vorbei gesteuert haben. An Anna, die ebenfalls dem Raumwind getrotzt hat und dafür gesorgt hat, dass der Orm über einen Saisonvorrat an Schwedenkeksen verfügt. An Rolf, der die Küche auch bei 7 Windstärken tip top sauber gehalten hat. Und natürlich auch an Jan-Malte, der mit Rat und Tat aus der Ferne zur Verfügung stand!
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Segeltörn, der uns alle an unsere Grenzen gebracht, aber auch als Team zusammengeschweißt hat – ein Abenteuer, das in der Geschichte des ASV Hamburg seinen Platz finden wird.
| Kategorie | Zahl | Anmerkung |
|---|---|---|
| Gesegelte Seemeilen | 963 | Von Wismar bis zur nördlichsten Ostseetonne |
| Durchschnittsgeschwindigkeit | 5 kn | Trotz Flauten ein ordentlicher Schnitt |
| Höchste Windgeschwindigkeit | 35+ kn | Und das bei Raumwind |
| Motorstunden | 23 | Nur Hafenmanöver und Batterie laden |
| Segelwechsel | 9 | Je nach Wind und Kurs |
| Aus dem Boot geschöpfte Liter | 400+ | Unfreiwilliger Ballast |
| Position am Ende | 19/83 | Trotz ungeplanter Reparatur ein gutes Ergebnis |
| Höchste Position im Feld | 11 | Vor dem Wasserproblem |
| Tage mit Flaute | 2,5 | Zeit zum Kochen und Schlaf nachholen |
| Frisch gekochte Mahlzeiten | 3 | Spitzkohleintopf, Carbonara & Leberkäse |
| Packungen Kekse an Bord | 12 | Annas Schwedenkekse – Seenotproviant und Motivationsschub in einem |
| Tütengulasch-Portionen | 49 | Wahl aus Rind oder Hirsch. Zunächst Favorit, später gefürchtet |
| Trinkwasser an Bord | 320 l | Für Regatta und Urlaubstörn danach – etwas überdimensioniert |
| Seekranke Crewmitglieder | 4/7 | Die See fordert ihren Tribut |
| Stinkende Neoprenanzüge | 1 | Dank Wasserschaden eine Woche unter Deck gereift – war selbst für hartgesottene Seebären zu viel |





